Die Tyrannei fängt ganz unauffällig mit aufgeräumten Schreibtischen an. {Harold Pinter}

TW: 10°C - 11°C
OW: 9°C - 14°C
Siehe Teichprotokoll
Zwei Beobachtungen am Mittag bei 14°C OW.
Im Teich 1
beim Absammeln von reingefallenen Blättern in der Flachwasserzone vorne rechts: Ein Grauweibchen steht dort und weicht mir langsam, ruhig aus, ohne hektisch in Deckung zu schießen wie sonst.
Im Teich 2:
An zwei Stellen sind Fadenalgenpolster aufgetrieben. Eines hinter dem Blumentopf an der Oberfläche treibend (dort hatte vorher der Stichling sein Nest drin S9: 08.05.10), ein Zweites
in der Nähe des Kanaleinganges bildete eine auftreibende Säule vom Teichboden her, die bis auf ca 30cm unter die Wasseroberfläche reicht.
Beide sammle ich ein mit dem Kescher, um sie ins Aquarium zur Futterversorgung des Ocellatus-Nachwuchses zu schütten.
In beiden finde ich im Kescher die Grau-Männchen. In dem von der Wasseroberfläche hinter dem Topf findet sich im Kescher das B-Männchen in dem aus 30cm Tiefe findet sich im Kescher das A-Männchen. Beiden Algenwatten war nicht anzusehen, dass darin ein Fisch war und auch im Kescher habe ich die Fische erst beim Aufheben der Algen entdeckt.
Beide Fische waren im Kescher erst einige Zeit reaktionslos auf meine Aktionen, so dass ich sie bequem zwei-dreimal wenden und beidseitig betrachten konnte. Sie machten einen guten, glänzenden Eindruck.
Erst dann wurde sie jeweils wieder aktiv und schossen wie der Blitz als ich sie ins Wasser zurücksetzte weg.
Bemerkenswert:
Beide schienen in einer Art Tiefschlafzustand zu sein und hatten sich wohl zu diesem Zweck gezielt in diese Algenmatten begeben.
Beide schwammen nach "Erwachen" normal agil. Beide habe ich schon bei 9°C OW, also bei 5°C niedriger, bei Balzaktivitäten gesehen!
M.ocellatus (graue Variante, Bestand/623) kennt also tatsächlich sowas wie einen schlafartigen Ruhezustand, den er unterbrechbar und relativ kurzfristig einnimmt wenn ....???? Tja wann????
Das graue Weibchen aus Teich 1 war möglicherweise auch in einem solchen schlafartigen Zustand, wenn auch nicht ganz so tief wie die beiden Männchen, da es meinen Aktivitäten gemächlich aber doch gezielt ausgewichen ist.
B-Männchen hatte sich in der Algenwatte direkt an der Wasseroberfläche verankert., während A-Männchen sich in ~ 30cm Tiefe zur Ruhe begeben hat. Wäre das eine Winterruhe gewesen, wäre B-Männchen schon beim ersten dünnen (2cm - 3cm) Eis ins Eis eingeschlossen worden und hätte damit den Winter wohl nicht überstanden.
Wenn diese lethargische Ruhephase sich grundsätzlich als Überwinterungsruhe entwickelt hat, wieso sollte sie dann eine solche wahrscheinlich tödliche Positionswahl zulassen statt eine Strategie etabliert zu haben, die das Aufsuchen von frostsicheren Tiefen bewirkt?
Selbst A-Männchen war mit 30cm Tiefe zwar für einen hiesigen Winter relativ sicher aber in einem wirklich strengen, wie er auch in Nordchina vorkommen kann wäre er selbst dort wahrscheinlich vom Eis eingeschlossen worden. Beide haben also einen Verankerungsplatz für die inaktive Ruhephase gewählt, der von sicher tödlich bis wahrscheinlich tödlich in einem Winter gewesen wäre. Ist das plausibel für eine Strategie mit der Hauptfunktion Überwinterung.
PS:
Heute einen aus der Gruppe der großen Jungtiere des A-Männchens aus dem Aquarium in den Teich gesetzt. Möchte sehen wie stark der temperaturbedingte Wachstumsunterschied zu den Aquarientieren (20°C-22°C) ist.
Einige Bilder kurz vor dem freisetzen. Was hier gut zu sehen ist, sind die individuell unterschiedlichen "rußigen sommersprosseigen Flecken auf graue Grundfarbe" die typisch für die Tiere des Bestandes 623 ist:
Die Tyrannei fängt ganz unauffällig mit aufgeräumten Schreibtischen an. {Harold Pinter}
Kommentare
Was löst den Schlafzustand aus?
Nun habe ich zumindest die grauen hochrückigen M.ocellatus tatsächlich eindeutig in einem tiefschlafähnlichen Zustand erwischt. Die kupfernen weniger hochrückigen M.ocellatus allerdings noch nicht.
Dummerweise finde ich sie aber nicht im Winter oder bei winterlicher Wassertemperatur in diesem Zustand, sondern bei einer Wassertemperatur von 14°C! und das mit einer Ruheplatzwahl, die in dem einen Fall in einem Winter mit Sicherheit tödlich, in dem anderen Falle in einem strengeren Winter höchstwahrscheinlich tödlich gewesen wäre.
Wie es scheint, kann der graue M.ocellatus ungeeignete Witterungsphasen in einem tiefschlafähnlichen Ruhezustand überbrücken.
Aber was löst diesen Zustand aus?
Die Wassertemperatur kann es wohl nicht sein, denn dann gäbe es keine Grund bei 14°C in Tiefschlaf zu fallen während man bei 4°C unter Eis aktiv unterwegs ist oder bei 9°C sich mit Balzhandlungen beschäftigt.
Die Tageslichtdauer kommt auch irgendwie nicht in Frage, denn jetzt sind die Tage ganz gewiss länger hell als am 5.12.09 bzw. 27.2.10.
Das einzige, was mir derzeit für mich erkennbar den Unterschied auszumachen scheint, ist der Sonnenschein als solcher. Nicht die Wärme der Sonnenstrahlen oder die Länge, sondern einfach nur:
Strahlt die Sonne schön gleißend auf's Wasser oder schon längere Zeit nicht mehr.
Bricht die Sonne gleißend durch, dann sind in kürzester Zeit die Rundschwanzmakropoden überall zu sehen in normal aktiver Bewegung, egal ob das Wasser kälter oder wärmer ist.
Wird das Wetter aber trübe regnerisch, verlegen sie recht bald ihre Aktivitäten in tiefer Wasserschichten wie am 30.4.10 und bleibt das Wetter weiterhin schlecht - wie auch immer dieses "schlecht" über den Mangel an direkter Sonneneinstrahlung hinaus definiert sein mag -, so scheinen sie diese Zeit mittels einer schlafähnlichen vollkommen inaktiven Ruhe zu überbrücken.
Aber welchen Engpass überbrücken sie damit, welche Ressource ist es, deren Mangelzeit dadurch gekennzeichnet ist und die es durch Inaktivität zu überdauern gilt?
Mangelressource Luft
Naheliegend und meist genannt ist: M.ocellatus = Labyrinthfisch = Luftatmer = Ertrinken/Ersticken ohne Luftzugang , Eisdecke schließt Luftzugang aus ==> Fisch tot, also kann dieser Labyrinther einen Winter unter Eis nur deswegen überstehen können, weil er in Inaktivitätsruhe verfällt und damir den Sauerstoffbedarf auf ein Minimum senkt
Darin steckende Unplausibilität:
Wenn also M.ocellatus unter Eis ohne Luftzugang in normal sauerstoffreichem Wasser nicht wirklich zwingend auf Luftzugang angewiesen ist, um aktiv bleiben zu können, dann könnte noch folgendes ziehen:
Im Winter unter geschlossener Eisdecke sinkt der Sauerstoffgehalt des Wassers immer mehr, so dass er deswegen unter das von M.ocellatus ohne Luftatmung benötigte Niveu fällt. Daher muss M.ocellatus eine Inaktivitätsruhe haben, um trotzdem ohne Luftzugang den Winter zu überstehen.
Das hört sich erstmal besser an als das vorherige. Dann müsste man sich aber fragen, was denn der typische Lebensraum eines M.ocellatus ist und mit wem er den Teilt?
Alle Fundortbeschreibungen oder Aussagen für den typischen Platz, wo man M.ocellatus gefangen hat oder leicht fangen kann, die ich kenne, beschreiben keine Gewässer, die sich typischerweise durch übermäßige winterliche Sauerstoffmangelzustände auszeichnen würden. Sie passen eher zu Gewässern, wo ich auch einem z.B. relativ sauerstoffbedürftigen dreistacheligen Stichling sein winterliches Auskommen zutrauen würde. Zumeist sind es, wenn auch langsam so aber doch meist Fließgewässer oder Seen, die von einem Fließgewässer gespeist werden, erst recht wohl im Winter, wo sich M.ocellatus, um nicht einzufrieren (nördlichere Regionen), doch wohl die ganz flachen Randbereiche verlassen und durchfriersichere tiefere Zonen aufsuchen müsste. Die scheinen mir keine guten Kandidaten für regelmäßige Sauerstoffmangelerscheinungen durch winterlich geschlossen Eisdecke. Das wäre aber doch nötig, damit eine Fischart eine Vermeidungsstrategie entwickeln müsste/würde.
Insgesamt kommt mir kein Aspekt des Sauerstoffarguments für den Ruhezustand wirklich (allein) überzeugend vor.
Und jetzt, wo ich M.ocellatus bei 14°C und bequemem Luftzugang habe in einen inaktiven Ruhezustand fallen sehen, erst recht nicht mehr.
In einen solchen Ruhezustand zu einer Zeit zu fallen, die auch genutzt werden könnte, um Nahrung aufzunehmen, zu wachsen, Energiereserven für's (spätere) Laichen anzusammeln, scheint mir ein so großer Nachteil, dass er in der Evolution wohl ausgemerzt worden wäre. Beide Männchen sind aber "Schlafen" gegangen, obwohl sie vorher bei deutlich kälterem Wasser fressend und aktiv gezeigt haben, dass die Lebensbedingungen für sie eigentlich auch aktiv nutzbar wären. Dann muss es doch etwas anderes geben, dass ohne Überwinterungsargument diesen Ruhezustand lohnend macht?!
Unvermeidliche Reduktion der Nahrungsaufnahme durch kaltes Wasser
Ich könnte mir noch vorstellen, dass das kalte Wasser die Bewegungsfähigkeit des M.ocellatus soweit einschränkt, dass er unter solchen Bedingungen nicht mehr in der Lage wäre im Winter genügend Nahrung aufzunehmen, um den Verbrauch wegen anstrengenderer Aktivität (kaltes Wasser, zäheres Wasser) und den Grundbedarf zur Körperregeneration zu decken. Unter solchen Bedingungen würde sich der Körper schlicht bei zu lange andauerndem Kaltwasser langsam selbst "auflösen".
Im Teich sehe ich die dreistacheligen Stichlinge auch im Winter ununterbrochen aktiv und bei der Nahrungssuche. Wenn ich die Bewegungsweisen der M.ocellatus und des dreistacheligen Stichliings in kaltem Wasser vergleiche (14.11.09), so wirkte die des M.ocellatus in keiner Weise behinderter oder schwerer als die des Stichlings. Er müsste also genauso in der Lage sein, sich mit ausreichend Nahrung im Winter zu versorgen, wie es der Stichling auch kann, trotzt dauernder Aktivität.
Das ist allerdings eine rein äußerliche Vergleichbarkeit der Bewegung. Ich weiß nicht, welcher Energieverbrauch beim Stichling im Winter mit der Nahrungsbeschaffung verbunden ist und welcher Verbrauch es beim M.ocellatus wäre.
Rein äußerlich verglichen scheint also auch hier kein Zwang zur Inaktivitätsruhe eines M.ocellatus zu liegen. Auf Energieverbrauchsebene könnte es aber durchaus trotzdem so sein, so dass die Nahrungsversorgung eine brauchbare Erklärung für eine Ruhephase im Winter geben könnte.
Aber auch hier stellt die Tatsache, dass die Tiere bei 14°C in einen Ruhezustand fallen können das Argument in Frage. Letzten Herbst war es über Wochen deutlich kälter im Teich, ohne dass die M.ocellatus sich in einen Ruhezustand verabschiedet hätten. Sie waren nahezu kontinuierlich aktiv und haben damit über die lange Zeit gezeigt, dass es kein durch kaltes Wasser verursachtes ungünstiges Verhältnis zwischen Nahrungsbeschaffung und Energieverbrauch bei ihnen gibt. (wenn ich jetzt mein Teichprotokoll nochmal durchschaue, habe ich zu dieser Zeit allerdings alle paar Tage Sonne oder wenigstens durchbrechende Sonne notiert und erst so ab 1.12.09 kommt dann über wirklich lange Zeit keine Sonne mehr durch und auch M.ocellatus-Sichtungen sind keine mehr notiert.)
Dass mit der Nahrungsbeschaffungsschwierigkeit bei kaltem Wasser (Energiebilanz) und der damit verbundene Resourcenengpass Nahrung geht damit, finde ich, nicht mehr durch.
Aber wenn wir die schlechte Energiebilanz durch kaltes und damit zäheres Wasser (und reduzierten Stoffwechselprozessen) als Ursache für einen Ressourcenmangel bei der Nahrung nicht halten können, so könnte es trotzdem immer noch ein anders verursachter Engpass in dieser Ressource sein. Das scheint mir jedenfalls momentan als das Plausibleste, was auch bei 14°C warmem Wasser für M.ocellatus auftreten könnte.
Mir fällt allerdings nichts ein, was einen Nahrungsengpass für M.ocellatus durch zu geringe Sonneneinstrahlung auslösen könnte? Gibt es eine Nahrung, die auf direkte Sonneneinstrahlung angewiesen ist und bei längerem regnerischem und trübem Wetter verschwindet und die für M.ocellatus einen wesentlichen Nahrungsbestandteil ausmachen könnte?
Für Hinweise oder bessere Erklärungen wäre ich dankbar.
Hier gibt's weitere Spekulationen
:
MOc: 10.05.10
"Die Atmung der Labyrinthfische",
Z. Wiss. Zool., 1936.
"Bau, Entwicklung und Funktion des akzessorischen Atmungsorgans der Labyrinthfische",
Z. Wiss. Zool. , 1937.