CAu: 20.03.16 - Problemlösungsbeispiel von Springsittichen mittels Schnabel-Fuß-Koordination

Quelle: Pers. Beobachtung bzw. Erfahrung

Beschaffen von Futter durch koordinierten abwechselnden Schnabel-Fuß-Einsatz beim Springsittich (Cyanoramphus auriceps)

Ausgangssituation

Springsittiche sind sehr neugierige Vögel, die ihre Füße nicht nur wie große Papageien zum Halten des Futters beim Fressen einsetzen, sondern sehr vielseitig bei der Nahrungsuche verwenden, um Hindernisse beiseite zu schieben, aus dem Weg zu halten oder frei zu Scharren.

Aus der Literatur ist bekannt, dass sie den String-Pulling-Test bestehen.
Dabei ziehen sie ein am Ende einer Schnur befestigtes Futterstück, welches direkt außerhalb ihrer Reichweite z.B. an einem Ast runter hängt zu sich heran, indem sie mit dem Schnabel die Schnur ein Stück hochziehen, einen Fuß auf die hochgezogene Schnur stellen und so wiederholt bis sie das Futter haben.

Ich wollte Gestern mal Schauen, ob sie mit einer abgewandelten Situation auch zurecht kommen, bei der die Schnur in starrer Stab ist mit dessen Hilfe eine Plattform auf der Futter liegt aus einer tiefen engen Röhre hochgezogen werden kann. Die Fußdraufstellmethode würde hier nicht funktionieren.

Zu lösende Aufgabe

Utensilien:

  1. Eine unten geschlossene Röhre von ca 20 cm Länge und 2.5cm Durchmesser ist senkrecht an einem Ast angebracht.
  2. Ein steifer Draht, welchen am unteren Ende mit einer engen Spirale eine Plattform senkrecht zum Draht im Innendurchmesser der Röhr besitzt. Durch das Zentrum der Plattform verlängert sich der Stab ein Stück weit unterhalb der Plattform
  3. Einige Sonnenblumenkerne - diese werden von den Springsittichen sehr gerne gegessen

Aufbau

Die Röhre wird mit der Öffnung nach oben über zwei Punkte fixiert senkrecht an einem Ast angebracht. Die Öffnung ist auf Asthöhe.
Der Stab wird mit der Plattform nach unten in die Röhre gestellt und einige Sonneblumenkerne eingefüllt.

Aufgabe

Der Springsittich kann an die Sonnenblumenkerne nur gelangen, indem er die Plattform mit dem Stab zur Öffnung der Röhre hochzieht.
Dies kann der Sittich weder mit einem einzigen Zug noch durch seitliches ablegen des hochgezogenen Stabes wie bei einer Schnur bewerkstelligen.
Grundsätzlich hat er nur zwei Möglichkeiten für die Vorgehensweise - falls er überhaupt das Problem versteht -:

  1. Er greift den Stab mit dem Fuß und hebt zieht ihn ein Stück hoch. Hält ihn in dieser Postion mit dem Schnabel fest, um mit dem Fuß den Stab wieder weiter unten zu fassen und noch ein Stück hochzuheben usw. bis die Plattform mit den kerne in Schnabelreichweite ist. Jetzt müsste er die Funktion von Fuß und Schnabel tauscen, also mit dem Fuß den Stab hochhalten, um den Schnabel zu Fressen freizubekommnen
  2. Die bessere Möglichkeit geht umgekehrt: Er greift den Stab mit dem Schnabel und zieht ihn ein Stück hoch. Nun fasst er mit dem Fuß den Stab, um ihn in de Position zu halten und den Schnabel wieder frei zu bekommen für das nächste Stück anheben usw. Sobald das Futter i Schnabelreichweite ist kann er sofort fressen ohne die Funktion von Schnabel und Fuß erst zu tauschen.

In jedem Falle hat er folgende Teilprobleme zu meistern:
Er muss die Aktion koordiniert über mehrere Hebe-Halte-Zyklen zu Ende bringen. Wird auch nur einmal das Festhalten in der aktuell erreichten Position vergessen fällt der Stab und damit die Plattform mit den Kernen wieder ganz zurück und es müsste alles von wiederholt werden.
Da mehrere Kerne auf der Plattform liegen, muss er die ganze Arbeit wiederholen, wenn er während des Fressens des ersten Kerns den Fuß zum Fressen zur Hilfe nimmt oder einfach nur vergisst den Stab mit dem Fuß auch während es Fressens festzuhalten.
Hebt er die Plattform über die Öffnung der Röhre hinaus und hält den Stab zu stark gekippt, fallen ihm die restlichen Kerne von der Plattform auf den Boden(hier Gras, worin sie verschwinden).

Umfeld

Der Test findet in ihrem gewohnten Umfeld statt, einer Freivoliere von 16m Länge mit Grasboden und lebenden Büschen und Bäumen (siehe Die Voliere) in der sie sich immer aufhalten und ausreichend Abwechslung finden, sei es Wasserschnecken fangen in einem Teich, Büsche oder Grasboden durchsuchen.
Die Tiere werden dazu weder eingefangen oder sonst irgendwie dazu gebracht, sich für den Test zu interessieren. Es ändert sich im Tagesverlauf für sie nichts, außer dass ich eben irgendwo einen Ast aussuche, an den ich wie oben beschrieben die Röhre anbringe und mit Stab und Kernen befülle. Die Röhre (ein Magnesiumbrausetabelletenröhrchen) ist undurchsichtig. Die Sittiche sehen also nicht, dass Sonnenblumenkerne darin liegen. Allein ihre Neugier bringt sie irgendwann dazu dieses Röhrchen zu inspizieren, wobei sie die leckeren aber direkt unerreichbaren Kerne entdecken.
Sie sind also weder gedrängt noch gestresst noch wurden ähnliche aber leichtere Aufgaben vorher mit ihnen geübt.

Ergebnis

...sie habe es ziemlich problemlos gemeistert ...

Hier hatte ich aus Versehen die Anatomie eines Springsittichs beim Anbringen des Röhrchens außer Acht gelassen. Es ist ihm natürlich nicht möglich, mit dem Fuß von den Stab zu fassen und höher zuhalten, wenn die Öffnung so weit hoch steht. Und der Rand des Röhrchen ist schlicht zu schmal und glatt, als dass er darauf sicher stehen könnte. Entsprechend scheitert er hier an der Aufgabe. Aber eben nicht, weil er keine Vorstellung hat wie er an das Futter kommen könnte.
Hier habe ich meinen Fehler korrigiert, die Öffnung niedriger angebracht und prompt zeigt das Springsittichmännchen wie leicht diese Aufgabe zu lösen ist.
Wenn man genau hinschaut, so sieht man, dass er ab und zu mit dem Schnabel seinen Zeh statt des Stabes passt. Das liegt wohl nicht daran, dass er seine Zehen nicht von dem Stab unterscheiden kann, sondern an dem spezifischen Sichtfeld der Papageienvögel. Spitzschnäbel können ihre Schnabelspitze sehen, Papageien aber nicht. Unmittelbar vor ihrem Schnabel sehen sie nichts - dafür haben sie ein größeres Sichtfeld nach oben bzw. hinten (Raubvögel) -. Da die Rohröffnung aber so eng ist, liegt der Stab nahe bei den Zehen. Er greift also mit dem Schnabel ungefähr dahin wo der Stab ist, landet aber wegen der Nähe ab und an am Zeh, den er so erst packt, um dann mit den feinen Tastnerven im Schnabel und in der Zunge seinen Irrtum zu bemerken.
Zum Eigentlichen:
Anfangs - nicht auf diesem Video - hat er übrigens den Stab erst mit dem Schnabel ein Stück senkrecht hochgezogen, dann mit dem Fuß unterhalb des Schnabels gefasst, dann mit dem Schnabel wieder unterhalb des Fußes fassend wieder ein Stück hochgezogen, mit dem Fuß oberhalb des Schnabels losgelassen und wieder unterhalb gegriffen usw. bis er an die Sonnenblumenkerne kam, die er so aus der Röhre herausgehoben hatte. Das war ein schönes Beispiel für die Koordination Schnabel-Fuß.
Aber schon nach wenigen solcher Aktionen hat er schnell gemerkt, dass es einfacher ist, den Stab weit hochzuziehen und mit dem Fuß weit oben zu fassen um den Stab in der Öffnung zu verkannten. Die Bewegung ist weniger kompliziert und benötigt keine zusätzliche Kraft, um mit dem Fuß den Stab oben zu halten. Die Verkanntung erledigt dass.



Es ist gerecht, alle Religionen ohne Unterschied zu dulden, wenn sie nur nichts weiter verlangen als Gewissensfreiheit und sich nicht an den bürgerlichen oder politischen Gesetzen vergreifen wollen. {Pierre Bayle}