Die Reptilien, Amphibien, Fische und wirbellosen Thiere

TitelDie Reptilien, Amphibien, Fische und wirbellosen Thiere
MedientypBook
Jahr der Veröffentlichung1878
AutorenLenz, H. O.
Seitenanzahl688 p.
VerlagE.F. Thienemann
StadtGotha
Zusammenfassung

Der Flusskrebs (gemeine Krebs), Astacus fluviatIlis, L. Das vorderste Fußpaar hat große Scheeren, welche an der Schneide Zähnchen haben. Die Vorderspitze des Kopfschildes hat an jeder Seite einen Zahn. Die Farbe des Thieres ist braun und fällt öfters ins Grüne, Blaue, Röthliche und Schwärzliche. Es kann bis 18 cm. lang werden. Der Darm geht (wie auch bei andren Krebsen) bis zum Ende des Hinterleibes und mündet unter dessen zweitheiliger Mittelschuppe, welche man, bevor der Krebs gekocht wird, auszureißen pflegt, wobei sich gewöhnlich der Darm mit herauszieht. Der Hinterleib des M. ist rund und gewölbt, der des stets kleineren W. breit und flach. Die Häutung fällt von Mitte Juni bis in den September; beim Abwerfen spaltet die alte Schale an verschiedenen Stellen (auch an den Scheeren), hält aber, wenn sie abgeworfen ist, noch so zuſammen, dass sie einem ganzen Krebse gleicht. Bei der Häutung verkriecht sich der Krebs, um nicht in seiner weichen Hülle von seinen Feinden, wozu auch seine eignen Brüder gehören, verzehrt zu werden, in Löcher; man nennt ihn dann Butterkrebs und betrachtet ihn als Leckerbissen. In 3 bis 5 Tagen ist die neue Schale hart, das Festwerden derselben wird durch Auflösung der im Magen befindlichen sogenannten Krebsaugen1 bewirkt. Wahrscheinlich finden jährlich mehrere Häutungen statt; nach jeder können die Krebse beträchtlich an Gewicht zunehmen. Nach einigen Beobachtern wird bei der Häutung die abgestreifte Haut sogleich verzehrt. Der Flusskrebs bewohnt Flüsse, Bäche, Teiche, am liebsten Gewässer mit lehmigen und torfigen Ufern, von 1 bis 1,5 m. Tiefe, welche nicht zu schnell strömen, im Sommer bis 20 Grad warm werden, mit Waserpflanzen und Bäumen besetzt und mit Wasserſchnecken belebt sind. Seinen Hauptsitz hat er in Uferlöchern, welche unter dem Wasserſpiegel beginnen, aber bis über ihn emporsteigen, denn er ruht lieber im Feuchten als unter Wasser. Die Löcher gräbt er sich gern selbst und hat sie am liebsten so eng, daß er gerade hinein paßt; er kriecht rückwärts hinein und sitzt darin also mit den Scheeren nach vorn gerichtet. Fährt man mit der Hand hinein, um ihn heraus zuziehen, so hält er sich mit dem Schwanze sſo fest, daß man ihm erst die eine, dann die andre Scheere abreißt, und ihn dann, weil er nach vorn spitz zuläuft, gar nicht mehr fassen kann. Man muß daher wo möglich gleich anfangs beide Scheeren fassen, weil man da mit mehr Nachdruck ziehen kann. Statt der abgerissenen Scheeren wachsen ihm übrigens allmählich wieder neue. Oft sitzt er auch zwischen dem Gewirre von Baumwurzeln, unter Steinen und dergl. Seine Geschäfte verrichtet er hauptsächlich des Nachts, geht dann auch zuweilen kurze Strecken von einem Teiche zu einem Bache und umgekehrt über Land. Er kann vor und rückwärts kriechen; schwimmen thut er selten, dann aber immer rückwärts und zwar ruckweis, indem er den Schwanz schnell gegen den Leib zieht. Die Nahrung besteht aus Waserthieren, Aas und weichen Pflanzentheilen. Um seine Vermehrung und sein Wachsthum zu befördern, wirft man Aas oder Gedärme in die Krebsteiche. Das Wachsthum geschieht übrigens sehr langsam. Wie Carl Vogt nach Carbonnier mittheilt (C. Vogt, die künstliche Fischzucht :c.: dessen Angaben im Folgenden mehr fach benutzt wurden), beträgt das Gewicht eines Krebses im ersten Jahr 1,5 Gr., im zweiten 4 Gr, im dritten 10 Gr., im vierten 16 Gr., im fünften 22 Gr., im sechsten 25 Gr., im achten 36 Gr., im zehnten 50 Gr., im fünfzehnten 75 Gr., im zwanzigsten 100 bis 120 Gr. Will man gefangene Krebse für einige Zeit lebendig erhalten, so darf man sie nicht in Wasser thun, aus welchem sie nicht auf Gegenstände heraufsteigen können, die ihnen Gelegenheit geben, in der Luft zu ruhen. Man darf die Krebse, wenn sie eine Strecke weit transportirt worden sind, nie ins Wasser einschütten, weil das plötzlich in die Kiemenhöhlen eindringende Wasser die Luft aus denselben nicht entweichen läßt. Man setzt sie vielmehr auf ein Weidengeflecht, welches auf dem Wasser schwimmt und fingerbreit mit Wasser bedeckt ist; von hier suchen sie selbſt das Wasser auf, wenn ihre Kiemenhöhlen gefüllt ſind. Sind sie gezwungen, fortwährend unter Wasser zu sein, so sterben sie bald, oft schon vor Verlauf von 24 Stunden. Hat man im Keller einen kleinen Teich, in welchem zum Verspeisen bestimmte Fische leben, so befinden sich in diesem auch die Krebse ſehr wohl, wenn das Ufer sich allmählich über das Wasser erhebt und mit Hohlziegeln oder sonstigen Dingen belegt ist, unter denen die Krebse in feuchter Luft ruhen können. Die Ufer müssen von ganz glatten, senkrechten Wänden umgeben sein, denn an rauhen, an durch löcherten Brettern, an Körben klettern die Krebse hinauf und suchen dann weiter zu entwischen. Bei solchem Klettern stellen sie sich auf die Scheeren, legen den Schwanz aufwärts an die Wand, häkeln in diese mit den Schwanzflossen ein und schieben dann mit den Beinen nach. Will man sie also eine Zeit lang in Körben oder durchlöcherten Fischkästen haben, ſo müssen diese einen gut anschließenden Deckel besitzen. Setzt man einen solchen Fischkasten in Wasser, so sorge man dafür, daß dieses nicht bis an den Deckel reicht, und daß darin Steine oder Reisigbündel liegen, die über die Wasserfläche emporragen. Auch in Kübeln, welche im Keller stehen, glatte Wände, am Boden einen Querfinger hoch Wasser und Steine haben, welche aus diesem hervorragen, halten sie sich gut. Man kann auch den Boden des Kübels nur mit Brennnesseln belegen, die durch etwas Wasser feucht gehalten werden. In einem Korb oder Netz im feuchten Keller aufgehängt, halten sich die Krebse 8 bis 14 Tage lang. Sollen die Gefangenen lange Zeit leben bleiben, so giebt man ihnen Fleisch oder klein geschnittene Rüben zur Nahrung, läßt sie aber, bevor Sie in den Kochtopf kommen, zwei Tage lang fasten. Um Krebse zu versenden, trocknet man sie mit einem wollenen Tuche sorgfältig ab oder legt sie einige Minuten in die Sonne und packt sie in Weidenkörbe, welche innen mit trocknem Stroh ausgefüttert ſind. – Man fängt die Krebse in Reusen, welche etwas kleiner und enger als Fischreuſen ſind, oder in Reifen. Letztere bestehen aus einem Ring von verzinktem Eisendraht, in welchem ein Netz flach ausgespannt ist; auch kann man an den großen Ring einen kleinern durch Netzwerk befestigen, so daß das Ganze einer Schüssel gleicht. Die Ringe hängt man mittelst dreier Fäden an einer Schnur auf und befestigt letztere an einer langen Ruthe. Als Köder benutzt man enthäutete und ausgenommene Frösche, Fleischstücke, das Innere einer Teichmuschel und dergl., senkt die Ringe in der Nähe des Ufers bis auf den Grund des Wassers ein und zieht sie nach einiger Zeit anfangs langsam, später rasch empor. Nach Carl Vogt unterscheiden manche Krebskenner 2 Arten des Flußkrebses: „den Edelkrebs (A. fluviatIlis2), mit röthlichen Füßen, dicken, stumpfen, wenig gespaltenen Scheeren, gedrungenem Körper, dunkelgrünbraunem Rücken, der sich in langsam fließenden Gewässern, Torfgräben u. s. w. aufhält, meist nur Nachts aus seinen Löchern herausgeht, gewöhnlich ein Gewicht von 120 bis 140 Gr. erreicht, aber selbst bis zu einem Gewicht von 400 Gr. soll gemästet werden können und einen ausgezeichnet feinen Geschmack besitzt, und den gewöhnlichen oder Quellenkrebs (A. fontinalis3), mit weißlichen Füßen, langen, scharfen und spitzen, weitgespaltenen Scheeren, länglichem Körper und bleichgrünem Rücken, der sich in lebhafter fließenden Bächen und Quellwassern mit Kiesgrund aufhält, höchstens 70 Gr. schwer wird und einen scharfen trocknen Geschmack besitzt, so daß er Feinschmeckern nur in Suppen oder Saucen vorgestellt werden kann.“ Wenn auch die angegebenen Unterschiede nicht bedeutend genug sind, um darauf 2 Arten zu gründen, so ist doch sicher, daß im Handel die letztere Form oft nur den halben Preis der ersteren erreicht. Zur Speise sind die Krebse in den Monaten am besten, welche kein r haben, Mai, Juni, Juli, August. Gewöhnlich siedet man sie bloß mit etwas Butter und Salz. Ihre Schale wird dabei roth, bleibt jedoch bei denen, die der Häutung nahe sind, dunkel; bei abgestandenen zeigt sie sich dagegen bleich, und solche strecken auch den Schwanz aus. Die Paarung erfolgt im Oktober oder November. Das W. legt im Frühling an 200 bis 300 Eier, welche anfangs bläulichschwarz, später gelblich oder rothbräunlich, rund, und mit einem klebrigen Stielchen versehen sind, durch welches sie an die kleinen, unter dem Schwanze befindlichen Füßchen angeheftet werden. Die Entwicklung der Eier erfolgt sehr langsam und nur bei lebhafter Wasserströmung; daher bewegen die W. beständig die Bauchanhänge mit ihren Eiertrauben. Alle Eier, welche sich von den Bauchfüßen loslösen, kommen um; auch sonst haben sie an Flohkrebsen, Wasserscorpionen, Wasserwanzen und Schwimmkäferlarven viele Feinde. Die Jungen kriechen vom Mai bis Juli aus, sind etwa 15 mm. lang, weich, den Alten übrigens ähnlich, und bleiben noch die ersten Tage unter dem Schwanze der Mutter. Sitzt diese still, so machen sie sich um sie her lustig, flüchten sich aber bei drohender Gefahr schnell wieder unter sie. Sie nähren sich von Würmchen, Larven, Schalenflöhen und Wasserflöhen, häuten sich bis zum Winter 2 bis 3mal und erreichen dabei eine Länge von 35 mm. Die ab gestoßene Haut wird sogleich verzehrt und dient durch ihren Kalkgehalt zum Aufbau des neuen Panzers. Der Krebs kann 20 Jahre alt werden.

  • 1. Meint wahrscheinlich das Steinchen, welches der Krebs vor der Häutung aufnimmt, um daran den Kalk der alten Schale abzusondern und zu verwahren für die neue.
  • 2. Astacus astacus
  • 3. Austropotamobius torrentium, Steinkrebs
URLhttps://catalog.hathitrust.org/Record/006129660



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