Quelle: Pers. Beobachtung bzw. Erfahrung

Beobachtung im Teich

Schneefall
TW: 5°C - 5°C
OW: 3°C - 3°C
Siehe Teichprotokoll

Heute schneit es wieder. Es ist aber nicht kalt genug, um das Wasser frieren zu lassen.
Während die Stichlinge heute (siehe: S9: 20.02.11) trotz Schnees den "Frühling einläuten" wollen,
ist von den adulten Rundschwanzmakropoden nichts zu sehen. Einige vereinzelte juvenile Macropodus ocellatus sind aber auch in diesem Wetter auszumachen. Sie bewegen sich zwar aktiv aber gemächlich brustflossengetrieben umher.

Die "Frühlingsaktivität" der Stichlinge lässt mich aber ein wenig über den Nachkommenserfolg der neunstacheligen Stichlinge (Pungitius pungitius) im Vergleich zu den Macropodus ocellatus in diesem ungefütterten Teich spekulieren:

Nachkommenserfolg der neunstacheligen Stichlinge im Vergleich mit den Rundschwanzmakropoden

Wie ja oben bei der "Frühlingsstimmung" zu sehen und wie ich in den Beobachtungen im letzten Frühjahr ja auch berichtet habe,
fangen die neunstacheligen Stichlinge extrem früh im Jahr bei noch ziemlich kaltem Wasser an, ihre Reviere zu gründen und auch schon Junge großzuziehen.
Und sie sind wirklich erkennbar schon von Anfang an sehr erfolgreich dabei, ihre Jungen bis zum Verlassen des väterlichen Schutzes zu bringen - der Vater pflegt und hegt seine Jungen noch während er schon andere Nester mit Eiern in unterschiedlichen Reifegraden pflegt und das bis die Jungstichlinge eine wirklich beachtliche Größe erreicht haben und dann, erst in dieser Größe, den Schwarmpulk um das Nest verlassen und sich selbständig machen -.
Dieser frühzeitige Erfolg und die regelrechte Fließband-Brutproduktion des beobachteten Stichlingmännchens im letzten Frühjahr brachte mich damals zu der Befürchtung, dass ich wohl etliche der Jungstichlinge abfangen müsse, um den damals noch nicht etablierten Rundschwanzmakropoden bzw. deren Jungen die Chance der sich selbst erhaltenden Etablierung in dieser Teichanlage nicht dadurch zu vermasseln, dass zur Zeit der Jungenaufzucht der Rundschwanzmakropoden Schwärme von recht großen Jungstichlingen die winzigen Makropoden auffressen.

Mit der Zeit sah ich aber, dass die jungen Pungitius pungitius schon relativ früh anfangen sich heftig zu streiten. Ich entschloss mich also, den Nachwuchsbestand nicht eingreifend auszudünnen, sondern bis zum Sommer zu warten. Im Sommer dann konnte ich feststellen, dass die Rundschwanzmakropoden erfolgreich Junge hochbrachten, die Jungstichlinge also kein wirkliches Problem darstellten, sie blieben also endgültig.

Über den Sommer kamen alleine von dem Stichlingsmännchen am Topf im Teich 2 wie am Fließband etliche Bruten hoch und jede schätzte ich auf wenigstens 40 Jungstichlinge - Amüsant daran so im Rückblick ist übrigens, dass im gleichen Teichbereich, am Topf, auch die Beoachtungen der Rundschanzmakropodenbruten stattfanden -.

Ein Jahr ist nun herum inkl. der Überwinterung und ich habe eine recht gute Übersicht,
wieviel Stichlinge im Teich jetzt zu Beginn des neuen Jahres leben, da die Stichlinge immer relativ auffällig als Dauerfresser ob mit oder ohne Eis im Teich unterwegs sind.
Bei den Rundschwanzmakropoden sieht es schwerer aus abzuschätzen wieviele im Teich aktuell leben.
Vor allem bei den Adulten ist die Zahl zur Zeit kaum zu schätzen, da sie meist irgendwo unsichtbar ruhen.
Allerdings stellt das anders geartete Verhalten der juvenilen M.ocellatus eine gute Basis wenigstens eine grobe Mindestschätzung zu machen, da sie fast immer - auch in diesem kalten Wetter - sichtbar sind und beim kleinsten durchbrechenden Sonnenstrahl überall in größerer Zahl auftauchen. Zusätzlich sind junge Rundschwanzmakropoden in den Größen unter 20mm SL deutlich weniger scheu als adulte.

Nun, was schätze ich:

  • Stichlinge:
    Die Gesamtzahl der zur Zeit in der Teichanlage lebenden Stichlinge schätze ich auf rund 10 Individuen. ca. 5 kann ich immer wieder im Teich 2 beobachten, wobei ich einen von ihnen individuell als ein Jungtier erkennen kann, welches seit letzten Spätsommer auf irgendeine Weise seine Schwanzflosse verloren hat (wie abgebissen). Gehe ich davon aus, dass zur gleichen Zeit im Teich 1 nochmal so viele schwimmen, komme sich also auf 10. Wenn also keines der Ausgangstiere gestorben ist - es waren 4 -, so sind aus dem letzten Jahr 6! Jungstichlinge tatsächlich groß geworden und das von den vielen Bruten alleine des einen Männchens im letzten Jahr, die ja alle nachgeprüft erfolgreich selbständig geworden sind.
  • Die Rundschwanzmakropoden:
    Bzgl. der Adulten weiß ich nur, dass ich immer mal wieder adulte sehen konnte. Es sollten also definitiv noch adulte jetzt zum Jahresanfang da sein. Wieviele habe ich allerdings keinerlei Vorstellung.
    Zu den Juvenilen in der Größe von 15mm bis 20mm SL aber kann ich relativ gut eine Mindestschätzung abgeben.
    Bei etwas länger durchbrechender Sonne konnte ich vorsichtig geschätzt im Teich 2 an der Wasseroberfläche verteilt wenigstens 15 Jungtiere gleichzeitig beobachten. Nehme ich an, dass zu dieser Zeit im Teil des Teiches 1 auch nochmal 10 Tiere unterwegs waren, so komme ich auf wenigstens 25 Jungtiere der Macropodus ocellatus, die es aus dem letzten Jahr bis in dieses geschafft haben. (wohlgemerkt, der Teich wird nicht gefüttert!).
    Nehme ich also zu den 25 Jungtieren noch die adulten hinzu, so dürfte die Individuenzahl in der Teichanlage bei den Rundschwanzmakropoden also gut 30 und mehr Tiere sein, wovon 25 Jungtiere des letzten Jahres sind! (Ich gehe allerdings davon aus, dass sich heraustellen wird, dass alle adulten auch noch da sind.)

Obwohl also die Stichlinge deutlich frühzeitiger mit den Bruten angefangen haben und eigentlich jede Brut bis zur Selbständigkeit der Jungstichlinge bringen konnten während die Rundschwanzmakropoden im Vergleich erst sehr spät im Jahr mit den Brüten beginnen konnten und dann die winzigen selbständigen Jungfischchen dem angenommenen Fressdruck durch die Jungfischschwärme der Jungstichlinge ausgesetzt waren, ist der Nachwuchserfolg der Rundschwanzmakropoden in dieser Teichanlage um ein vielfaches höher als der der neunstacheligen Stichlinge!
Die Gegenwart der zahlreichen Stichlinge scheint also keinen nennenswerten reduzierenden Effekt auf den Nachwuchs der Macropodus ocellatus zu haben.

Umgekehrt vermute ich auch, dass die adulten Rundschwanzmakropoden keinen dezimierenden Effekt auf die Jungstichlinge hatten, da ich nie sehen konnte, dass sich ein adulter Rundschwanzmakropode für die Jungstichlinge interessierte und außerdem diese Jungstichlinge, wenn sie den Schutzraum des Vaters verlassen, als Schwarm mit einer für Rundschwanzmakropoden kaum bewältigbaren Individuengöße unterwegs sind.

Quelle: Perönliche Interpretation bzw. Meinungsäußerung Woran liegt der unterschiedliche Erfolg?

Das bringt mich jetzt ein wenig zum Spekulieren, warum gemessen an der Individuenzahl die Rundschwanzmakropoden soviel erfolgreicher sind als die neunstacheligen Stichlinge:

Die Stichlinge sind wirklich große Fresser nach meinen Beobachtungen. Sie scheinen einen Stoffumsatz zu haben, der sie zwingt, wenn nichts wichtigeres anliegt, fast ausschließlich sich mit Fressen zu beschäftigen. Sie dürften also schnell an eine Ressourcengrenze bzgl. Nahrung stoßen.
Ich konnte beobachten, dass die jungen Stichlinge schon recht früh anfingen ihren Schwarm zu verlassen und sich mittels heftiger Fechtereien gleichmäßig die Teichfläche aufzuteilen ohne aber in der Lage zu sein, schon so jung Nachwuchs zu erzeugen.
Also:
Die neunstacheligen Stichlinge haben einen Verhaltensmechanismus, mit dessen Hilfe sie sicherstellen können, dass die Individuendichte einen Schwellwert nicht überschreitet. Und dieses Verhalten, vermute ich, ist die Ursache dafür, dass von all den Jungtieren nur ca. 6 über den Winter bis ins neue Jahr gekommen sind. Ob der Rest nun bei den stacheligen Gefechten als Folge von Verletzungen umgekommen ist oder, weil sie infolge der Verdrängung sich nicht ausreichend ernähren konnten weiß ich nicht.
Jedenfalls stellen sie über ihre Verhaltensweisen offensichtlich selbst sicher, dass die Individuendichte die verfügbaren Ressourcen nicht überlastet. Und da sie nach meinen Beobachtungen einen wirklich hohen Bedarf an Nahrungsressourcen haben, ist die durch das Verhalten tolerierte Dichte entsprechend gering und die Kämpfe unter den Jungtieren sind entsprechend intensiv.

Die Rundschwanzmakropoden sind im Beobachtungsvergleich mit den Stichlingen scheint's wirklich sparsame Nahrungsverbraucher.
Während die Stichlinge, wenn sie nicht vom Fechten oder vom Brüten davon abgehalten werden nahezu ununterbrochen wie "Rasenmäher" auf Nahrungssuche sind, verbringen die Macropodus ocellatus auch außerhalb des Brutgeschäftes doch die meiste Zeit damit gemütlich umher zu wandern, sich mit anderen Rundschwanzmakropoden zu treffen oder faul genießend in der Sonne zu liegen. Entsprechend selten ist es, dass man sie bei wirklicher Nahrungsaufnahme im Teich beobachten kann. (Das widerspricht übrigens der Wahrnehmung aus dem Aquarium, wo sie einem als gute Fresser erscheinen. Aber direkt verglichen mit einem Fisch wie dem Stichling stellt es sich ganz anders dar.)
Die Rundschwanzmakropoden sind also entweder viel effektiver in der Nahrungsbeschaffung oder im Umsatz viel sparsamer als die Stichlinge und sind deswegen viel seltener mit Fressen beschäftigt.

Wenn ich jetzt also mal davon ausgehe, dass sie viel sparsamer im Verbrauch von Nahrungsressourcen sind als die Stichlinge, dann können von ihnen in einem Gewässer natürlich viel mehr Individuen leben als von den Stichlingen ohne die Nahrungsressourcen zu erschöpfen.

Verhaltensmäßig haben die Rundschwanzmakropoden aus meiner Beobachtungssicht noch einen Trumpf bzgl. des Sparsamkeit im Verbrauch von Nahrungsressourcen "in der Hand": Sie können spontan zu jeder Jahreszeit, wenn ihnen das Wetter nicht zusagt in einen Überbrückungsschlaf gehen. Da dabei der Stoffwechsel wohl sehr deutlich reduziert sein dürfte senkt auch dieses Verhalten den summarischen Bedarf an Nahrungsressourcen und erlaubt so auch wieder einen höhere Individuendichte bezogen auf die benötigte/verfügbare Menge an Nahrung.


So erkläre ich mir (spekulierend) diesen deutlich unterschiedlichen Nachkommenserfolg der Stichlinge und der Rundschwanzmakropoden in der gemeinsamen Teichanlage.
Die Stichlinge sind große Verbraucher und haben daher Verhaltensmechanismus entwickelt, der Sicherstellt, dass die Ressourcen nicht zu knapp werden was in dem Bedarf entsprechender sehr geringer Individuendichte resultiert und
die Rundschwanzmakropoden eigentlich sparsame Nahrungsverbraucher und können sich daher eine deutlich höhere Individuendichte leisten mit einem momentan geschätzen Verhältnis von wenigstens 4/1 (M.ocellatus/P.pungitius).

Der gegenseitige Fressdruck auf den Nachwuchs ist dabei in keiner Richtung nenneswert oder irgendwie bestimmend:
Für adulte Rundschwanzmakropoden sind gerade selbständig gewordenen Jungstichlinge schon klar zu groß und umgekehrt scheinen sowohl die adulten Stichlinge wie auch die herangewachsenen Jungstichlinge keine nennenswerte Gefahr für die Larven der Rundschwanzmakropoden darzustellen.




Die zur Wahrheit ziehen, ziehen allein. {nach Christian Morgenstern}